Lilith Stelzner, Naturschutzreferentin beim BUND Baden-Württemberg, steht auf dem Hauptfriedhof in Stutttgart., © Marijan Murat/dpa
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Zwischen Ordnungswahn und wilden Inseln

09.06.2024

Beim Insektenschutz wird die Rolle von Friedhöfen in Thüringen immer wieder neu diskutiert. Während in mancher Friedhofsverwaltung erste Beschwerden einlaufen, wenn das Gras auf den Wiesen etwas höher steht, wünschen sich andere Friedhofsbesucher mehr Naturnähe. «Maßgabe in unserer Stadt ist eine gute Mischung aus strukturierter Ordnung und ökologischem Freiraum», fasste die Sprecherin der Stadt Eisenach, Juliane Dubiel-Schwanz, zusammen. Auch in anderen Kommunen wie in Erfurt, Weimar und Suhl wird nach einem Weg gesucht, Ökologie und Ordnungssinn unter einen Hut zu bringen - mit wechselndem Erfolg.

«Die Idee eines insektenfreundlichen Friedhofs steht und fällt mit den Leuten - besonders in ländlichen Regionen», erklärte Annett Scholz aus Dorna bei Gera. Als Mitglied der Kirchgemeinde und des Naturschutzbundes (Nabu) Gera-Greiz hatte sie sich mit einigen Mitstreitern dafür eingesetzt, auf dem kleinen Friedhof der Gemeinde einen Bereich einzurichten, der nicht gemäht oder bewirtschaftet wird. Dafür wurde der Dornaer Friedhof mit der Plakette «Wilde Insel» ausgezeichnet, die der Nabu Thüringen seit 2020 an mittlerweile 178 Projekte vergeben hat. In Dorna sei es bisher gelungen, die verschiedenen Interessen auszugleichen. «Sobald aber einer dabei ist, der die vermeintliche Unordnung nicht akzeptieren kann, wird das zum Problem.»

Blühwiesen auf Friedhöfen

In Eisenach gibt es schon seit einigen Jahren unterschiedliche Ansätze, um mehr Platz für Artenvielfalt auf dem Friedhof zu schaffen. Der Eisenacher Hauptfriedhof verstehe sich schon jetzt als insektenfreundlich, sagte Dubiel-Schwanz. Unter anderem würden auf leerstehenden Grabfeldern Blühwiesen angelegt, Insektenhotels gebaut oder Stauden anstelle von Wechselpflanzungen eingesetzt. Zudem würden keine Pestizide verwendet sowie Totholz und Habitatbäume erhalten, um Insekten Rückzugsräume zu bieten. Im Herbst bleibe deshalb auch der ein- oder andere Laubhaufen liegen.

Dabei sei es aber wichtig, die Besucher mit ins Boot zu holen: «Gerade Blühwiesen sehen nicht zu jeder Jahreszeit wildromantisch aus», sagte Dubiel-Schwanz. So werde etwa im Herbst mit Hinweisschildern erklärt, warum eine Wiese erst im Frühjahr wieder gemäht werde. Wenig Verständnis gebe es hingegen für Pflanzen-Wildwuchs auf leerstehenden Gräbern oder höheres Gras an Baumgräbern. Sogar eine neue Grabart soll in Eisenach entstehen: Beim «NaturRuh-Konzept» sollen Grabstätten inmitten von insektenfreundlichen Stauden-Pflanzungen angelegt werden, die von Insektenhotels oder Natursteinhaufen durchzogen sind. Die Stadt gehe davon aus, dass es künftig mehr Anfragen in diese Richtung geben werde.

Mut zur Wildnis

Auch die Stadt Suhl sei beim Insektenschutz sehr aktiv, betonte Sprecher Steven Bickel. Es kämen vermehrt Stauden zum Einsatz und anstelle der Lebensbäume aus der Vor-Wende-Zeit würden insektenfreundliche Bäume gepflanzt. Bestimmte Areale würden nur ein- bis zweimal im Jahr gemäht. Ausgenommen davon seien aktiv genutzte Flächen: «Ungepflegte, naturnahe Ecken würden unsere Friedhofsbesucher nur schwer akzeptieren.»

Auf den 18 Friedhöfen der Stadt Weimar werde ein Mittelweg versucht, erklärte Sprecherin Mandy Plickert. Auf nicht aktiv genutzten Flächen erfolge die Wiesenmahd erst nach dem Abblühen im Juni. Selten gemähte Blumenwiesen seien gut für den Insektenschutz und deutlich resistenter gegen Dürreperioden. In den anderen Bereichen sei das jedoch nicht möglich, weil es erfahrungsgemäß zu vielen Beschwerden führe. So seien die Langgraswiesen auf dem historischen Friedhof ein Anblick gewesen, «der nicht jedem gefiel und auch heute, nach vielen Jahren, immer noch hinterfragt wird». Auch in Erfurt werden manche Flächen auf den Friedhöfen seltener gemäht.

Letztlich sei der Umgang mit der Bepflanzung von Friedhöfen immer ein «Spagat zwischen Ordnungswahn und Natur», der oft nur wenig Raum für Insekten und andere Tiere lasse, meinte die Dornaer Naturschützerin Scholz. «Ich persönlich würde mir ein klein wenig mehr Mut zur Wildnis wünschen.»

© dpa-infocom, dpa:240609-99-327275/2

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