Eine Lehrerin schreibt etwas an die Tafel., © Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa/Symbolbild
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Wie umgehen mit Seiteneinsteigern? Praktiker sehen Potenzial

01.09.2023

Vertreter von Lehrern, Eltern und Schülern haben Verbesserungen im Umgang mit Seiteneinsteigern in den Lehrerberuf angeregt. «Wir brauchen auch die Seiteneinsteiger ohne Abschluss von Universitäten», sagte etwa der Leiter einer Regelschule in Ostthüringen am Freitag bei einer Anhörung im Bildungsausschuss des Thüringer Landtags. Als wichtige Themen im Umgang mit Seiteneinsteigern nannte er die unterschiedliche Bezahlung und den Weg zur Entfristung von befristeten Verträgen. Den Schulen fehle da auch der Überblick.

Hintergrund ist, dass Seiteneinsteiger in Thüringen je nach Ausbildungshintergrund und anerkannten Fächern teils deutlich schlechter bezahlt werden als ihre Kollegen mit klassischer Lehrerausbildung. Teils bekommen sie auch nur befristete Arbeitsverträge. Bildungsminister Helmut Holter (Linke) hatte zum Auftakt des neuen Schuljahrs Entlastungen für Seiteneinsteiger angekündigt. In Thüringen stieg deren Zahl in den vergangenen Jahren aufgrund des Lehrermangels kontinuierlich - zwischen Ende Juli 2022 und Anfang August 2023 machten sie fast ein Viertel der Neueinstellungen aus.

Die Anerkennungsverfahren für die Seiteneinsteiger dauerten zu lange, sagte der Schulleiter. Bewerbe sich jemand in Sachsen und in Thüringen, antworte Sachsen schneller, sagte er. Seine Regelschule befindet sich im Landkreis Greiz im Grenzgebiet zu Sachsen.

Eine andere Schulleiterin aus Nordthüringen sprach sich für ein Zuschlagssystem aus, um Lohnunterschiede zu kompensieren. «Einen Hochschulabschluss kann nicht jeder nachholen in allen Fächern», sagte sie. Das schaffe man zeitlich nicht immer im Leben. Daher sollte es zumindest Zuschläge für Seiteneinsteiger geben, die sich in der Praxis an der Schule bewährt hätten.

Ein Sprecher der Landeselternvertretung monierte, die Hürden für Seiteneinsteiger seien noch zu hoch. Er plädierte für bundesweit einheitliche Regeln im Umgang mit Seiteneinsteigern, Thüringen solle dazu einen Vorschlag für die Kultusministerkonferenz erarbeiten. Zugleich gebe es aber auch Grenzen: Aus Sicht der Elternvertretung ist der Einsatz von Seiteneinsteigern im inklusiven Unterricht und in Förderschulen problematisch. «Im Grundschulbereich sollte in den Kernfächern auf Seiteneinsteiger verzichtet werden», sagte er.

Die Schulleiterin aus Nordthüringen wies darauf hin, dass auch klassisch ausgebildete Lehrer selten über eine sonderpädagogische Ausbildung verfügten. «Seiteneinsteiger müssen im gemeinsamen Unterricht arbeiten», sagte sie. Es brauche mehr Fortbildungen.

Der Ostthüringer Schulleiter forderte zudem, Thüringen müsse einen «öffentlichen Imagewechsel als Bildungsstandort» vollziehen. Die stellvertretende Vorsitzende der Landesschülervertretung, Klara Hertel, sagte, die Attraktivität des Lehrerberufs müsse gesteigert werden, man höre nur noch Schlechtes über den Beruf. «Viele Lehrer sind langzeitkrank», sagte sie. Teils seien die Lehrkräfte schlicht überfordert.

Mit Blick auf Seiteneinsteigerinnen und Seiteneinsteiger warnte Hertel davor, Menschen einzustellen, die aus pädagogischer Sicht für den Beruf vielleicht nicht geeignet seien. Es gebe aber auch sehr gute Erfahrungen mit den Seiteneinsteigern. «Der Lehrermangel muss mit gezielten Maßnahmen beseitigt werden», forderte sie.

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