Peter Wurschi, Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.Peter Wurschi, Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.
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Trauma: Beauftragter wirbt für sensiblen Umgang

17.11.2022

Menschen mit traumatischen Diktaturerfahrungen brauchen nach Ansicht des Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Peter Wurschi, einen sensibleren Umgang in staatlichen Institutionen. Es gebe eine erhebliche Anzahl von Menschen, die in der DDR traumatisiert wurden und nun in heutigen Behörden oder Heimen anders reagierten als Menschen ohne diese Erfahrung, sagte Wurschi der Deutschen Presse-Agentur.

Betroffen seien etwa frühere politische Gefangene, Ex-Häftlinge, Menschen, die in Kinderheimen untergebracht waren oder andere traumatische Erfahrungen mit staatlichen Institutionen gemacht hätten. Alle Ostdeutschen hätten Diktaturerfahrungen gemacht, aber nicht alle seien traumatisiert worden. «Auch nicht jeder bekommt ein Trauma bei der gleichen Erfahrung.»

Am Freitag und Samstag läuft zu dem Thema eine Fachtagung im Thüringer Landtag mit dem Titel: «Trauma ohne Ende? - Perspektiven der Beratung von Menschen mit Diktaturerfahrungen». Während sich die Vorträge am Samstag an ein Fachpublikum richten, ist die Eröffnung am Freitag für alle zugänglich.

Wurschi sagte, die Tagung diene vor allem dazu, Mitarbeiter von Behörden zu sensibilisieren. Menschen mit traumatischer Diktaturerfahrung hätten oft Probleme, sich in staatlichen Institutionen zurecht zu finden - etwa beim Stellen von Anträgen -, «weil sie mit der Macht des Staates schlechte Erfahrungen gemacht haben».

Schon das etwas zu laute Klacken eines Türschlosses könne die Erinnerung an das Eingesperrtsein in einem Gefängnis oder in einem Kinderheim wiederherstellen -«mit all den schlechten Erfahrungen oder auch Ängsten, die abgespeichert sind».

Als Beispiel nannte Wurschi den Jugendwerkhof in der DDR, wo es systematische Gewalt gegeben habe. «Das war eigentlich wie ein Jugendgefängnis - mit Drill und dem Brechen der Individualität.»

Nicht nur Geräusche, sondern auch der Ton einer Ansprache oder die Wortwahl eines Briefes können laut Wurschi unangenehme Emotionen bei Betroffenen hervorrufen.

Nach eigenen Angaben erreichten ihn allein im laufenden Jahr mehr als 1000 Anfragen von Menschen, die Fragen zur Rehabilitierung oder Schicksalsaufklärung haben. Oft würden dann Anträge auf Rehabilitierung gestellt. Solche Anträge müssten in einer juristischen Sprache formuliert sein, die Zweifel ausräumen müsse, um einen Tatsachenbestand zu beschreiben. Für viele Betroffene spiegele dies ihre eigene Biografie nicht wider. «Man fühlt sich noch einmal jemandem ausgeliefert, der im Zweifelsfall nicht das Verständnis für das Erlebte in einem Heim hat», sagte Wurschi. Das notwendige verwaltungsrechtliche Herangehen und die erlebten Emotionen passten oft nicht zueinander. Ziel sei es, die Lebenswirklichkeiten der Betroffenen zu ernst zu nehmen, dass sie sich auch in Beratungen gut aufgehoben fühlen.

© dpa-infocom, dpa:221117-99-550985/2

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