Auf einem AfD-Parteitag hängt ein Plakat mit dem Schriftzug «Alternative für Deutschland»., © Stefan Sauer/dpa/Archivbild
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Soziologe: AfD definiert die soziale Frage um

04.07.2023

Nach Ansicht des Jenaer Soziologen Klaus Dörre profitiert die AfD in den ostdeutschen Bundesländern von einer gefühlten Entwertung vieler Menschen. «Hier fühlen sich viele gleich dreifach abgewertet und missachtet: als Arbeiter, als Ossi, inzwischen auch als Mann», sagte Dörre dem «Spiegel». Die AfD bediene dabei das Bedürfnis der Menschen nach Anerkennung. «Rechtsradikale werten sie auf, als Deutsche und Patrioten, als Angehörige einer Volksgemeinschaft, nicht einer Klasse.»

Dabei definierten sie die soziale Frage um - «nicht mehr als Konflikt zwischen Unten und Oben, Arbeit und Kapital - sondern zwischen Innen und Außen: Die Eindringlinge - Geflüchtete und andere Migranten - beanspruchen laut dieser Erzählung unser Volksvermögen, die müssen raus», erläuterte der Experte.

Die AfD erlebte in Umfragen zuletzt einen Höhenflug - erste Wirkungen sind zu sehen: Im südthüringischen Landkreis Sonneberg ist der AfD-Politiker Robert Sesselmann der erste AfD-Landrat Deutschlands, in Raguhn-Jeßnitz in Sachsen-Anhalt wurde ein AfD-Politiker zum hauptamtlichen Bürgermeister gewählt. In Thüringen wird die AfD vom Landesverfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft und beobachtet.

Dörre sagte dem «Spiegel», dass Gewerkschaften im Umgang mit der AfD vor einem «echten Dilemma» stehen. Teils gebe es unter Gewerkschaftsmitgliedern rechtspopulistische Haltungen und die Forderung nach einer politischen Neutralität der Gewerkschaften. Dabei gehöre der antifaschistische Grundkonsens «quasi zur Geburtsurkunde der Gewerkschaften», sagte Dörre. «Käme sie diesen Forderungen rechter Funktionäre nach, würde es sie zerreißen, massenhaft würden Linke und Mitglieder mit Migrationshintergrund austreten, nach wie vor ihre aktivsten Kerne.»

Zugleich seien die Gewerkschaften im Osten aber schwächer als im Westen. «Würden sie kompromisslos gegen ihre rechtsorientierten Funktionsträger in den Betrieben vorgehen, verlören sie vollends den Rückhalt in den Belegschaften, bei denen diese oft ein hohes Ansehen genießen - und würden noch schwächer», so Dörre.

Er sprach sich dafür aus, die Berechtigung vieler Entwertungsgefühle anzuerkennen. «Die Tarifkämpfe im öffentlichen Dienst, bei der Post und jetzt der Bahn zeigen, dass Gewerkschaften Selbstwert organisieren können: Arbeiter, nehmt die Köpfe hoch! Wir haben als Kollektiv Erfolg. Solche Erfahrungen sind wichtig.»

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