Offener Brief: Forschende gegen Gender-Antrag der CDUOffener Brief: Forschende gegen Gender-Antrag der CDU
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Offener Brief: Forschende gegen Gender-Antrag der CDU

15.11.2022

Thüringens Bildungsminister Helmut Holter will Schulen keine Vorgaben zum Benutzen von geschlechtergerechter Sprache machen. Er sei sehr dafür, geschlechtersensible Sprache anzuwenden, sagte der Linke-Politiker der Deutschen Presse-Agentur. «Ob sie angewendet wird und wie sie angewendet wird, muss aber jeder selbst entscheiden.» Der 69-Jährige will den Schulen keine Vorgaben machen, gerade weil Kinder und Jugendliche sich sehr intensiv mit dem Thema befassten.

Die Lehrerinnen und Lehrer seien «gut beraten, sich dem Thema zu stellen - ohne jemanden dafür zu loben oder zu bestrafen, wenn er die eine oder die andere Sprachform anwendet», sagte Holter. Er wies darauf hin, dass der von der CDU-Fraktion initiierte Landtagsbeschluss zur Gender-Sprache keine Bindung habe.

Die Thüringer CDU-Fraktion hatte vergangene Woche mit Hilfe von Stimmen der AfD und der «Bürger für Thüringen» im Parlament einen Antrag gegen gendergerechte Sprache durchgesetzt und dafür breite Kritik erhalten.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universität Erfurt regierten in einem offenen Brief besorgt. «Zu den Grundlagen einer weltoffenen, den Grund- und Bürgerrechten aller Menschen verpflichteten Gesellschaft gehört es, alle Menschen in ihren Geschlechtsidentitäten sprachlich sichtbar werden zu lassen und ansprechen zu können», schreiben die Forschenden in dem Brief, den sie am Dienstag verbreiteten. Dies werde in nicht akzeptabler Weise durch die Bitten an die Landtagspräsidentin eingeschränkt.

In dem CDU-Antrag heißt es unter anderem, die Landtagspräsidentin solle dafür Sorge tragen, dass etwa im internen und externen Schriftverkehr des Parlaments, in Publikationen und in der Öffentlichkeitsarbeit «keine grammatisch falsche Gendersprache verwendet wird». Außerdem wird in dem Antrag die rot-rot-grüne Landesregierung aufgefordert, «in schulischen Einrichtungen einen einheitlichen Sprachgebrauch auf der Grundlage des amtlichen Regelwerks der deutschen Rechtschreibung ohne Anwendung der sogenannten Gendersprache konsequent umzusetzen».

Der offene Brief gegen den CDU-Antrag wurde von 145 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterzeichnet. Darunter ist auch die Erfurter Professorin für Gesundheitskommunikation, Cornelia Betsch, die als Expertin in der Corona-Pandemie bundesweit bekannt wurde.

«Fataler noch wäre es, wenn die Landesregierung versuchte, mit sprachpolitischen Maßnahmen in die Freiheit von Lehre und Forschung an den Universitäten einzugreifen», schreiben Autoren des Briefes. Auch dies werde in dem Antrag gefordert.

Die Thüringer CDU-Fraktion teilte mit, sie respektiere die Wissenschaftsfreiheit, «aber gleichzeitig sollte die Wissenschaft auch die deutsche Sprache respektieren». Sprache sei kein Elitenthema, sondern das Selbstverständnis «unserer Bürger», erklärte der parlamentarische Geschäftsführer der CDU-Fraktion, Andreas Bühl.

Bei gendergerechter Sprache geht es um einen geschlechterbewussten Sprachgebrauch, der die Gleichbehandlung aller Geschlechter und Identitäten ausdrücken soll. Verwendet werden unter anderem Gendersterne, Doppelpunkte, Unterstriche oder kurze Sprechpausen.

CDU-Politiker Bühl monierte, es erscheine zweifelhaft, wenn «staatliche Institutionen die Vorgaben eines zwischenstaatlichen Gremiums nicht akzeptieren wollen». «Wir fordern nicht mehr und nicht weniger, als dass sich im staatlichen Bereich an die Vorgaben des Rates für deutsche Rechtschreibung gehalten wird.»

Die Forschenden zeigten sich in dem Brief zudem besorgt darüber, dass der CDU-Antrag mit Stimmen der AfD und der «Bürger für Thüringen» beschlossen wurde. Dies sei ein Verstoß gegen das Prinzip, nicht mit vom Verfassungsschutz als extremistisch bezeichneten Parteien zu kooperieren. Holter sprach von einem «weiteren Tabubruch in Thüringen».

Bühl betonte, es gebe keinerlei Absprachen oder Zusammenarbeit mit der AfD. «Nicht nur deshalb erscheint es demokratietheoretisch fraglich, der Union das Recht abzusprechen, eigenständig parlamentarische Anträge zur Abstimmung zu stellen.»

© dpa-infocom, dpa:221115-99-529599/4

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