Ein Denkmal für gefallene Soldaten steht in einem Waldstück bei Groaga/Gera., © Bodo Schackow/dpa
  • Nachrichten

Historiker: «Unterschiedsloses Gedenken» an Denkmälern

17.11.2023

Gefallenendenkmälern fehlt es nach Einschätzung des Historikers Jens-Christian Wagner häufig an geschichtlicher Differenzierung. «Da wird oft unterschiedslos der Toten gedacht - Gefallene des Ersten Weltkriegs, Wehrmachtssoldaten und SS-Angehörige aus dem Zweiten Weltkrieg, Opfer politischer Verfolgung im Nationalsozialismus und in der DDR und Vertriebene», sagte der Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora der Deutschen Presse-Agentur. «Das verwischt alles», sagte er. Hier fehle ein kritisches Geschichtsbewusstsein.

Am Volkstrauertag an diesem Sonntag wird in vielen Orten an Denkmälern für Gefallene der Toten von Krieg und Gewaltherrschaft gedacht. In Thüringen existieren nach Angaben des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie mehr als 1000 Denkmäler, die an Kriege des 19. und 20. Jahrhunderts erinnern und Kirchenvorplätze, Friedhöfe oder Dorfanger prägen. Etwa 400 von ihnen stehen wegen ihrer geschichtlichen oder künstlerischen Bedeutung unter Denkmalschutz, wie Kilian Jost, Referent beim Landesamt, auf Anfrage sagte. Die meisten Denkmäler seien ursprünglich zur Erinnerung an die Gefallenen des Ersten Weltkriegs (1914-1918) errichtet worden.

Pflege der Anlagen kostet

Etwa 700.000 Euro hat das Landesverwaltungsamt im laufenden Jahr für die Pflege und Sanierung von Kriegsgräberanlagen eigenen Angaben nach ausgezahlt. Die Bundesmittel gingen an Kommunen und konfessionelle Träger von Begräbnisstätten sowie die Stiftung Gedenkstätte Buchenwald und Mittelbau-Dora. Überwiegend würde das Geld für laufende Pflegemaßnahmen genutzt, dazu zähle etwa Rasenmähen oder Laub auf Wegen und Grabflächen zu entfernen. Zudem müssten die Inschriften lesbar und die Grabzeichen verkehrssicher gehalten werden. Das Verwaltungsamt geht von etwa 600 Kriegsgräberanlagen in Thüringen aus.

Kunstvolle Skulpturen, martialische Bildsprache

Sie entstanden zumeist in den 1920er Jahren, wie die Reiterskulptur der Bildhauerin Lisa Simczik (1890-1954) in Gera-Aga. Andere seien während des Nationalsozialismus errichtet worden - in der für die Nazi-Zeit typischen martialischen Bildsprache. So finde sich beispielsweise auf dem Friedhof in Röblitz, einem Ortsteil von Unterwellenborn (Landkreis Saalfeld-Rudolstadt), eine Soldatenskulptur mit Stahlhelm und Schwert, die 1935 eingeweiht wurde. Häufiger als Skulpturen seien jedoch Steinblöcke mit Reliefs von Kriegssymbolen wie Eichenlaub oder Stahlhelm.

Zuweilen haben Jost zufolge auch den Krieg glorifizierende Denkmäler zur Erinnerung an den Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 überlebt. Oftmals wurden sie nach dem Zweiten Weltkrieg und in der DDR-Zeit aber abgerissen.

Oft umgewidmet

Typisch für den Umgang mit Gefallenendenkmälern sei, dass sie mehrfach umgewidmet wurden, sagte Jost. In der DDR seien sie in der Regel zu Mahnmalen für die Opfer des Nationalsozialismus oder zu Friedensdenkmälern deklariert worden. Nach der Wiedervereinigung sei das Gedenken «erweitert» worden. «So, dass sich alle Gruppen wiederfinden.»

Für den Historiker Wagner ist dies ein Problem - vor allem dann, wenn dies auch Soldaten der Wehrmacht oder Angehörige der SS einschließe, die im Zweiten Weltkrieg Kriegsverbrechen begangen hätten. «Da wird dann auch der Täter gedacht», kritisierte er.

© dpa-infocom, dpa:231117-99-978889/3

Teilen: