Experte klärt alle Fragen

Impfen gegen Corona

Spritze. Foto: Pixabay
Spritze. Foto: Pixabay
Autor: SM | Datum: 10.01.2021
Der Corona-Impfstoff ist da.

Aber mit dem Impfstoff gibt es auch mitunter berechtigte Bedenken und Sorgen:

  • Was gibt es für Nebenwirkungen?
  • Ist die Impfung sicher für alle?
  • Was ist mit Langzeitfolgen?

Wir haben beim Experten nachgefragt.

Prof. Dr. med. Mathias Pletz ist Institutsdirektor an der Klinik für Infektiologie und Krankenhaushygiene am Universitätsklinikum Jena.

Prof. Dr. med. Mathias Pletz. Foto: Foto: UKJ/Anna Schroll

Das Interview zum Nachhören

Das Interview zum Nachlesen:

Wie groß ist Ihre Hoffnung, dass mit dem Impfstoff der Corona-Spuk ein Ende haben könnte?

Meine Hoffnung ist sehr groß. Das ist ja auch mein persönliches Interesse, weil ich seit einem Jahr enorm hart gearbeitet habe wie viele andere auch und weil man wirklich hofft, dass die Arbeitsbelastung jetzt irgendwann einmal abnimmt. Für mich persönlich glaube ich, dass die nächsten Monate zwar sehr hart werden. Wenn wir aber dann das Frühjahr, den Sommer erreicht haben, wenn das Virus aufgrund seiner Saisonalität wahrscheinlich wieder seltener wird und dann gleichzeitig die Herdenprotektion über die Impfung aufgebaut wird; dann haben wir das Meiste hinter uns gebracht. Also ich setze sehr viel auf die Impfung. Und natürlich wissen wir, dass wir für eine richtige Herdenprotektion etwa 70% Immunisierte in der Bevölkerung brauchen. Aber Herdenprotektion ist ja auch kein Effekt, der sich einstellt nach dem Motto: Jetzt haben wir 70%, jetzt ist die Herdenprotektion da! Es ist eher ein kontinuierlicher Anstieg.

Kann ich mich bedenkenlos impfen lassen?

Ich meine man kann sich bedenkenlos impfen lassen und ich kann auch sagen, ich werde mich auf jeden Fall impfen lassen. Natürlich muss man sagen, bei dem Präparat von BioNTec und Pfizer handelt es sich um ein neues Impfkonzept. An dem wird seit Jahren schon geforscht. Deswegen war man auch so schnell damit. Gleichzeitig ist es auch eine relativ kurze Zeit, in der die klinischen Studien durchgelaufen sind. In die Studien sind trotzdem Zehntausende Probanden eingeschlossen worden.

Es ist also nicht so, dass der Impfstoff aufgrund einer zu geringen Datenbasis zugelassen wird. Aber man muss natürlich sagen, dass die Nachbeobachtungszeit nur wenige Monate betragen hat. Generell kann man aber sagen, dass Langzeitfolgen bei einer Impfung relativ selten sind. Und die Schäden, die gleich entstehen, durch zum Beispiel allergische Reaktionen oder Dinge, die sich schnell Entwickeln durch die Antikörperbildung – die hätte man auch in diesen Studien schon sehen müssen.

Kennt man Nebenwirkungen bei dem Impfstoff von BioNTec und Pfizer?

Allergische Reaktionen können bei jedem Impfstoff auftreten. Zum Beispiel auch beim Grippe-Impfstoff. Das passiert extrem selten, aber auch da wissen wir, dass es Menschen gibt, die mit Allergie-Schock auf Hühner-Eiweiß reagieren – und der Impfstoff wird im Hühnerei hergestellt. Das ist etwas, das lässt sich überhaupt nicht vermeiden. Bei jedem Medikament, das sie einnehmen, bei jedem Insektenstich, den sie bekommen, vielleicht auch bei jeder Nuss, die sie essen, kann so etwas auftreten – wenn sie eben zu der verschwinden geringen Minderheit von Leuten gehören, die zu allergischen Schocks neigen. Das würde ich also der Impfung nicht unbedingt zurechnen.

Ansonsten hat man bei der Impfung das gesehen, was man auch von anderen Impfungen kennt: Es gibt lokale Reaktionen – also Schmerzen und Schwellungen an der Einstichstelle. Und es gibt auch generelle Reaktionen – also eine Abgeschlagenheit und Kopfschmerzen. Das wird am häufigsten berichtet. Diese generellen Reaktionen treten bei jüngeren Menschen häufiger auf als bei älteren. Auch das kennen wir von anderen Impfstoffen. Das liegt einfach daran, dass sich das Immunsystem mit dem Impfstoff auseinandersetzt. Der Impfstoff versucht ja eine Infektion nachzustellen, damit das Immunsystem so reagiert, wie bei einer richtigen Infektion. Und da gehört eben eine gewisse Abgeschlagenheit oder eben Kopfschmerzen manchmal dazu. Gerade bei den Jüngeren, die noch ein deutlich reaktionsfähigeres Immunsystem haben als die Älteren.

Bei den Älteren war die Nebenwirkungsrate in den Studien deutlich geringer.

Was mache ich, wenn ich mich impfen lasse, aber merke: Ich vertrage es nicht so gut?

Gerade wegen der möglichen allergischen Reaktionen werden Sie vom Arzt nachbeobachtet. Allergische Reaktionen stellen sich innerhalb der ersten Minuten nach einer Impfung ein. Deswegen gibt es eine Nachbeobachtungszeit. Die war zunächst 15 Minuten, mittlerweile hat man aus logistischen Gründen gesagt, dass im Krankenhaus zum Beispiel auch 5 Minuten ausreichen. Wenn bis dahin nichts passiert ist, kann man sich schon einmal sicher sein, dass es keine allergischen Reaktionen geben wird.

Wer haftet für unvorhergesehene Langzeitfolgen? Impfe ich mich auf eigene Gefahr?

Nein, also Impfschäden sind in Deutschland abgesichert, wenn die Impfung durch die ständige Impfkommission empfohlen wird. Ich bin jetzt kein Jurist, aber das ist meines Wissens nach dem Bundessozilagesetz geregelt. Mögliche Impfschäden werden da abgedeckt. Da es eine Empfehlung der ständigen Impfkommission geben wird, sollte auch dieser Mechanismus, den wir auch bei anderen empfohlenen Impfungen haben, hier greifen.

Gibt es Ihrer Meinung nach eine Alternative zum Impfstoff?

Mir ist wichtig, eines zu betonen:

Natürlich kann es sein, dass es vielleicht (Impf-)Schäden gibt, die wir in den Studien nicht gesehen haben. Ich halte die Wahrscheinlichkeit für enorm gering. Trotzdem muss man sich klarmachen: Die Alternative zu dem Impfstoff ist eine natürlich durchgemachte Covid-19 Infektion. Denn so, wie sich die Dynamik derzeit darstellt, glaube ich, wird es fast unmöglich sein in den nächsten acht Monaten einer Infektion auszuweichen. Dann stellt sich die Frage: Möchte ich eine natürliche Infektion, oder möchte ich den Impfstoff? Bei dem Impfstoff wissen wir noch nicht, ob es Spätschäden gibt, bei der natürlichen Infektion wissen wir durchaus, dass es Spätschäden gibt.

Wir haben Patienten hier in Jena in der Post-Covid Ambulanz, die wirklich Monate noch schwer eingeschränkt sind. Unsere Arbeitsmediziner haben eine Umfrage gestartet, bei den Erwerbstätigen der ersten Welle, die betroffen waren. Da haben sich über 600 Erwerbstätige gemeldet – weder ganz junge noch ganz alte, also Menschen, die wirklich auf ihre Arbeitskraft angewiesen sind – und haben in Fragebogen angegeben, dass sie sich noch Monate nach der Infektion im Arbeitsleben eingeschränkt fühlen.

Das sind Spätschäden, die kennen wir und die sind auch nicht selten.

Bei der Impfung diskutieren wir über potentielle Impfschäden, von denen wir gar nicht wissen, ob sie eintreten. Insofern ist die Entscheidung für oder gegen den Impfstoff immer eine individuelle Kosten-Nutzen-Analyse. Ich persönlich für mich habe mir natürlich diese Gedanken auch gemacht. Ich kenne auch die Studien und habe für mich ganz klar gesagt: Die Impfung ist für mich absolut das geringere Übel.

Könnte es sein, dass ich trotz Impfung noch andere anstecken kann?

Das ist eine ganz wichtige Frage. Die ist aber noch nicht in Gänze beantwortet. Man kann davon ausgehen, dass es so ist – das ist auch das, was wir von anderen Impfstoffen kennen, wenn sich das übertragen lässt – aber diese Frage konnte in den Studien noch nicht adressiert werden.

Ansteckungsgefahr: Das heißt, die Möglichkeit besteht?

Die Möglichkeit besteht, dass man sich selbst schützt und dann eine Infektion durchmacht, die man gar nicht mitbekommt und trotzdem noch das Virus ausscheidet. Auch hier wäre die Alternative: Ich mache eine natürliche Infektion durch. Danach bin ich vielleicht komplett geschützt. Aber auch hier haben wir in den letzten Monaten gelernt, dass auch bei einer natürlichen Infektion der Schutz nicht unbedingt dauerhaft ist. Es wurden ja immer wieder Fälle berichtet von Menschen, die sich zweimal infiziert haben. Und wir wissen von den anderen Corona-Viren – da gibt es eine sehr gute Studie -, dass man sich alle sechs bis zwölf Monate mit dem gleichen Corona-Virus anstecken kann. (Anmerkung: Das Corona-Virus SARS-CoV-2, das gerade in Deutschland wütet, ist eines von vielen anderen Corona-Viren.)

Die Folgeinfektionen verlaufen in der Regel deutlich milder. Und in der Regel werden hier, wenn überhaupt, deutlich weniger Virus freigesetzt. Aber es ist eben auch nach einer natürlichen Infektion nicht ausgeschlossen, dass man sich wieder anstecken kann.

Erste Daten legen allerdings nahe, dass die Impfung teilweise höhere Antikörperspiegel generiert, als es eine natürliche Infektion tut, die mit wenigen Symptomen einhergeht. Generell kann man sagen: Je mehr Symptome ich bei einer Erkrankung hatte, desto höher ist auch der Antikörper-Titer. Das ist ja auch biologisch plausibel.

Wie gut bin ich mit einer Corona-Impfung geschützt? Wie lange hält der Schutz an?

Auch das kann momentan keiner sagen. Man kann nur die Beobachtungsdauer der Studien als Grundlage nehmen. Aber es gab innerhalb der Studien kein Signal, dass der Schutz gegen Ende wieder abgenommen hat – und da wurden ja wie gesagt zehntausende Menschen eingeschlossen.

Aber diese Frage ist nach wie vor offen.

BioNTec und Pfizer: Impfstoff funktioniert nach neuer Technologie. Was passiert im Körper?

Es handelt sich um einen RNA-Impfstoff. Und das ist ganz wichtig, denn RNA ist ein sehr instabiles Molekül. RNA darf man nicht verwechseln mit DNA. DNA kann über Jahre hinweg noch nachweisbarsein. RNA ist von der Natur so gedacht, dass sie sehr schnell zerfällt. Diese RNA wird in Nanopartikel verpackt, das sind minikleine Kügelchen, die aus einer Fettschicht bestehen. Dadurch gelangen sie in die Zelle. Die Zelle nimmt jetzt die RNA und hat damit einen Bauplan für Eiweiße. Die Impf-RNA enthält den Bauplan eines Oberflächeneiweißes des Virus. Jetzt wird die Körperzelle anfangen dieses Virus-Eiweiß zu produzieren. Sie produziert also keine kompletten Viren sondern nur ein Bruchstück davon. Jede Zelle präsentiert dann alles, was sie gebaut hat nach außen an die Immunzellen, die im Körper patrouillieren.

Die Immunzelle nimmt diese jetzt auf und leitet eine Antikörperbildung dagegen ein.

Das ist ein weiterer Vorteil dieser Impfung aus meiner Sicht. Denn es wird diskutiert, dass bestimmte Antikörper den Verlauf einer Infektion vielleicht sogar verschlimmern können. Bei einer natürlichen Infektion entsteht eine riesen Bandbreite an verschiedenen Antikörpern gegen alle möglichen Bestandteile des Virus. Da sind wahrscheinlich auch manche dabei, die zu einem schwereren Krankheitsverlauf beitragen können. Bei der Impfung hat man sich wirklich nur ein Teil des Virus herausgesucht. Hier wird nur ein ganz bestimmtes Spektrum von Antikörpern hergestellt – nämlich die, die hochwirksam sind und das Virus neutralisieren.

Auch aus dieser Sicht ist die Impfung, was Langzeitfolgen angeht, deutlich sicherer als eine natürliche Infektion.

BioNTec und Pfizer: Über 90% Wirksamkeit gegen das Corona-Virus. Sehr optimistisch?

Es sind zumindest sehr ermutigende Zahlen. Ich kenne auch Zahlen, die deutlich schlechter sind von anderen Impfstoff-Herstellern. Die Zahlen liegen auch über dem, was die Zulassungsbehörden initial als Ziel herausgegeben haben. Die hatten sich ja bereits geäußert und haben gesagt, sie würden schon einen Impfstoff mit einer – ich glaube – 60-prozentigen Schutzwirkung freigeben. Hier liegt die Schutzwirkung deutlich darüber.

Wann bekomme ich den Impfstoff, wenn ich mich impfen lassen möchte?

Es werden zunächst Menschen über 80 geimpft und Menschen, die in Heimen leben, weil wir momentan sehen, dass das Virus da verheerende Folgen haben kann, wenn es zu Ausbrüchen kommt. Dann soll natürlich das medizinische Personal geimpft werden, das täglich mit Corona-Patienten umgehen muss. Wir wissen, die Krankenhäuser sind an ihrer Belastungsgrenze. Wenn jetzt noch Personal ausfällt, weil es nach Hause geschickt werden muss, weil es erkrankt ist, dann haben wir hier wirkliche Engpässe.

Im weiteren Verlauf wird es dann auf weitere Gruppen ausgeweitet.

Sicher ist nur, dass man nicht innerhalb weniger Wochen die gesamte Bevölkerung durchimpfen kann. Das wird Monate, wenn nicht Jahre dauern.

Wie erfahre ich, dass ich mit Impfen dran bin? Erhalte ich einen Brief?

Das ist eine gute Frage, ich glaube da gibt es noch gar kein Konzept, zumindest ist mir noch keines bekannt. Ich glaube, man wird auf die Hausärzte setzen. Und natürlich ist jeder auch dazu aufgerufen, sich in den Medien darüber zu informieren.

Muss ich persönlich zum Impftermin vorbeischauen? Was, wenn ich mobil eingeschränkt bin?

Es wird mobile Impfteams geben, die zum Beispiel auch in die Heime gehen und dann Belegschaft und Personal impfen werden. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass diese mobilen Impfteams eventuell auch Personen zu Hause aufsuchen – oder sich eben der Hausarzt darum kümmert, der ja auch Hausbesuche macht.

BioNTec und Pfizer: Zulassung nach ca. einem Jahr. Wurde etwas unter den Teppich gekehrt?

Ich glaube nicht, dass hier wirklich viel unter den Teppich gekehrt wurde. Man hat an verschiedenen Stellen gekürzt, wo man sich bislang sehr viel Zeit genommen hat. Also normalerweise haben die Behörden zum Beispiel sehr viel mehr Zeit auf Studienanträge zu reagieren, dann mussten die Korrekturen nach einer bestimmten Zeit vorliegen und so weiter.

Dann hat man noch Folgendes gemacht: Bei den Studien gibt es ja Phase 1, 2 und 3. Und man hat zum Teil mit den Phase 3 Studien schon begonnen, als die Phase 2 Studien noch nicht abgeschlossen waren. Man hat sie quasi überlappend gestartet. Auch dadurch hat man viel Zeit gewonnen.

Ich glaube, diese Impfstoffentwicklung war trotz der extrem verkürzten Zeit so, wie man sie sich eigentlich wünscht. Und man hat die Zeit an Stellen eingespart, wo man keinen Informationsverlust hat.
Hinzu kommt ja auch noch, dass in den USA und in Kanada die Impfung mittlerweile schon eingesetzt wird und wir auch hier natürlich Erfahrungen sammeln. Jedes Land hat ein System aufgebaut, um Impfschäden, wenn sie in größerem Umfang auftreten, frühzeitig zu erkennen. In diesen Ländern werden mittlerweile jeden Tag tausende Menschen geimpft.

Und natürlich muss man bei der ganzen Diskussion auch beachten – und ich werde nicht müde, das zu betonen – wir reden über mögliche Impfschäden, von denen wir nicht einmal wissen, ob existieren. Es gab durch die Impfung bislang, meines Wissens, keine Todesfälle. Aber jeden Tag sterben Menschen an Corona. Und zwar in einer sehr hohen Anzahl. Das muss man immer ins Verhältnis setzen.

Zu guter Letzt: Würden Sie Ihre Kinder impfen lassen?

Ich habe zwei Kinder, einmal im Teenager-Alter, einmal im Kleinkind-Alter. Für Kinder im Teenager-Alter würde ich zu einer Impfung raten. Bei Kindern im Kleinkind-Alter wäre ich persönlich auch noch zurückhaltend, weil wir dafür bisher noch keine Daten haben. Außerdem wissen wir, dass Kinder im Kleinkind-Alter die Corona-Infektion sehr, sehr gut vertragen. Natürlich können auch hier Spätschäden auftreten. Aber die Nutzen-Risiko-Abwägung ist derzeit noch zu unübersichtlich. Hier würde ich warten.

Das könnte Sie auch interessieren

Fotos