DDR-Flüchter Günter Wetzel im ThüringenTalk

"Sind wir hier im Westen?"

Original Ballon
Original Ballon
Autor: Maribel De La Flor | Datum: 06.10.2017
Am 16. September 1979 auf einer Waldlichtung in der Nähe von Pößneck begann eine der spektakulärsten DDR-Fluchten. 

Wobei Günter Wetzel das Wort spektakulär so überhaupt nicht mag. Ich bleibe dabei, dieser Plan war spektakulär und die Wetzels sowie die Familie Strelzyk mit je zwei Kindern hatten unsagbares Glück, dieses Abenteuer überlebt zu haben. In einem selbstgebastelten Heißluftballon waren sie bis auf 2 Tausend Meter Höhe aufgestiegen und dann tatsächlich in der Nähe von Naila in Bayern gelandet. Die Landung war nicht gerade sanft und zwischendurch hatte der selbsternannte Navigator Günter Wezel komplett die Orientierung verloren. Wenn ein Ballon sehr schnell in die Höhe steigt, dann dreht er sich mehrfach. Die Grenze war nicht beleuchtet. Als pötzlich der selbstgebaute Gasbrenner den Geist aufgab, begann der Sinkflug ohne eine Möglichkeit zu Lenken. Irgendwann tauchten unten Baumwipfel auf und der Ballon krachte auf die Erde. Alle acht Insassen kommen ohne größere Blessuren davon, nur Günter muss mit einer Verletzung am Bein ins Krankenhaus. Was viel wichtiger war, die beiden Familien waren tatsächlich etwa 10 Kilometer von der DDR Grenze entfernt auf bayerischem Gebiet gelandet. Glauben konnten sie es erst, als ihnen ein Polizeiauto entgegenkam mit westdeutschen Polizisten drin. Jawohl wir waren im Westen, der Jubel kannte keine Grenzen.


Auf die Idee, mit dem Ballon zu flüchten, kam Günter Wetzel als er in einer West-Illustrierten einen Bericht über das Ballonfahrertreffen in Albuquerque in dem US-Staat New Mexico las. Natürlich gab es nirgendwo in der DDR einen Heißluftballon zu kaufen.

Das Ding musste komplett selbst ausgetüftelt werden. Mit allem Drum und Dran. Allein den richtigen Stoff zu finden, war fast ein Ding der Unmöglichkeit. Der erste Ballon aus Lederfüllstoff erwies sich als nicht flugfähig, auch der zweite Ballon funktionierte nicht, sodass Günter und seine Frau sogar vorübergehend aus dem ganzen Projekt ausstiegen. Zwischendurch versuchte er, ein Leichtflugzeug zu bauen. Aber auch das erwies sich als Schnapsidee. Peter Strelzyk tüftelte weiter und versuchte mit Ballon Nummer 2 die Flucht. Doch noch im Todesstreifen sank der Ballon zu Boden, die vier konnten sich unerkannt nach Hause retten, den Ballon jedoch ließen sie zurück. Die Stasi war nun informiert und alarmiert.

Sollten unsere Flucht noch gelingen, mussten wir Gas geben..."

Und das haben die Wetzels zusammen mit den Strelzyks getan. Als dann noch im Radio günstiges Wetter angesagt wurde, war klar - die Nacht zum 16. September wird es werden. Entweder es klappt oder sie kriegen uns. So einfach war das. Im Nachhinein weiß Günter Wetzel natürlich, dass verdammt viel Glück im Spiel war. Mit dem Wissen von heute, würde er nie wieder in solch einen Ballon steigen. Doch die Flucht, die bereut er nicht. "Das Gefühl eingesperrt zu sein, war das Schlimmste." Im Westen wird Günter Wetzel nichts geschenkt, aber er kann seinen Traumberuf Kfz-Mechaniker lernen und in seiner Freizeit wird er - wen wundert das noch - Flieger. Ein herrliches Hobby für den Mann, der die Freiheit so liebt...

Noch mehr Infos über Günter Wetzel www.ballonflucht.de

Museum Naila

Fotos: Ballonflucht